Unser erster Auftritt des Jahres

 

Am ersten Sonntag des Stadtfestes von Tarragona kommen vier der besten Castells-Vereine zusammen um sich in den Turmbauten zu überbieten. Unser Verein war natürlich dabei!

Aktuell liegt unser Verein knapp auf Platz 2 der Rangliste. Der Auftritt am Sonntag war somit sehr wichtig, um den Platz zu halten, da die Konkurrenten für die Position auch dort waren. Darüber hinaus war es ein Heimspiel. Für Fußballbegeisterte: Stellt euch vor in Dortmund spielen Bayern München, Schalke, Borrussia und Mönchengladbach gegeneinander. Wir wären dann wohl Borrussia und Vilafranca Bayern München. Sie haben unglaublich viel Geld und einen riesen Verein. Valls wäre dann wohl so wie Schalke: die längste Tradition von allen und einen unglaublichen Willen zu gewinnen.Es war also ein sehr wichtiger Tag auf dem Weg zur Weltmeisterschaft.

Je schwerer ein Turm ist, desto mehr Punkte gibt es für das Ranking. Dieses Jahr war Vilafranca bislang nicht so erfolgreich wie sonst und die stetige Verbesserung unsere Aufbaukünste hat früchte getragen.

Unsere Colla war am Anfang echt nervös. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir dieses Jahr sogar realistische Chancen erster zu werden. Die größte Konstruktion mit 10 Etagen wurde bis zum Abwinken geübt und wir wollten sie nun auch korrekt abbauen, aber ob das klappt?

Andreas‘ und meine Positionen sind ja immer unten in der Pinya (der Grundkonstruktion) und man hat die Nervösität aller an einer Unruhe und Zittern gemerkt. Leider ist es dann auch nicht gut gegangen. Die erste Konstruktion haben wir zwar aufgebaut, dann ist der Turm aber in sich zusammen gefallen. Einer der Castellers der Basis hat einen Kreislaufkollaps bekommen. (Was allein bei den Temperaturen ohne Sport und Streß schon ganz einfach wäre).

Das war für alle ein sehr ärgerliches Erlebnis, da das eigentlich ein Konstruktion zum warm werden war, die der Verein sehr gut kann. Dementsprechend frustriert war die Stimmung danach. Zwar hatten wir einen Großteil der Punkte bekommen, da der Turm erfolgreich aufgebaut worden war. Aber eigentlich könnten wir den Turm auch im Tiefschlaf wieder abbauen können.

Foto von: Jordina Estopà Masdeon de Colla Jove

Wahrscheinlich hat es geholfen zu sehen, dass alle nach uns auch Probleme bei Aufbau der Türme hatten. Valls hat gleich mehrere Anläufe gebraucht um dann trotzdem keinen kompletten Aufbau zu schaffen.

Als nächstes war eigentlich ein Turm mit 10 Stockwerken geplant. Diese Konstruktion konnte der Verein bislang nur einmal korrekt auf und abbauen. Die Coaches haben sich dann spontan entschieden, zu einem etwas einfacheren Turm überzugehen und haben spontan alle 500 Leute umorganisiert. Man merkte, wie stark alle jetzt ein gutes Resultat bekommen wollten. Die Pinya saß so fest, dass ich zwischendurch kaum atmen konnte. Da wackelte kein Haar mehr und war kein Loch zu sehen. Dementsprechend hat die doch sehr langwierige und komplexe Struktur gut geklappt.

Auch die neue Struktur danach hat gut geklappt und die Säule zum Schluss liefen perfekt, während die anderen Vereine doch sehr mit der Hitze gekämpft haben. So hat Valls wirkllich keine einzige Konstruktion auf Anhieb geschafft und zwischendurch wurden die Verletzen reihenweise an mir Vorbei in die Krankenstation im Rathaus getragen. Aber Valls hat sich nicht beirren lassen und es immer wieder probiert und am Ende alle Konstruktionen doch geschafft, so dass sie auch zu Recht weiterhin auf Platz 1 der Weltrangliste stehen.

In Tarragona ist es übrigens üblich, diese Wettbewerbe von 12:00 bis ca. 15:00 Mittags stattfinden zu lassen. Eigentlich war leichter Regen vorhergesagt…. aber stattdessen hat die Sonne gestärkt durch eine kaputten Ozonschicht und unterstützt von der globalen Erwärmung den Rathausplatz in einen Halogenofen verwandelt. … Also es war verdammt heiß und meine blasse mitteleuropäische Haut hat nur ca. 1 Stunde dieser Stärke standgehalten. Wir standen aber ca. 4 Stunden dort und jetzt ist mein Kopf genauso rot wie mein Kopftuch.

Ältere Beiträge zu den Castells:  #sentimjunts – Wir machen Menschenpyramiden bei den Castellers – 1. Teil

Vorbereitung für den Concurs de Castells

Alle zwei Jahre findet in der alten Stierkampfarena in Tarragona die Weltmeisterschaft der Castells statt. Über viele Stunden bauen die besten Collas de Castells (Vereine) die riesigen und komplexen Strukturen auf.

Teil einer Basis für einen Turm von 10 Etagen.

 

Dieses Jahr sind wir extra für diesen Concurs de Castells nach Tarragona geflogen, um unseren Verein die Colla Jove bei dem Wettbewerb zu begleiten.

Mit vier Wochen Vorlauf wollen wir an den Proben und drei weiteren Auftritten in Tarragona teilnehmen.

Seit kurzem werden die Collas (Vereine) mit Apps organisiert. Jeder Casteller bekommt ein eigenes Konto und kann in der App sehen an welcher Stelle er in der Strutkur auftaucht. Die Caps de Pinyas, welche die Bodenstrukturen der Castells organisieren weisen in jedem Training und bei jedem Auftritt fast jedem Teilnehmer den passenden Platz in der Sturktur zu. Diesen muss man dann nur noch finden, was bei 500 Vereinsmitgliedern gar nicht so einfach ist.,

Kurz bevor die Basis gebaut wird, sieht man jetzt also ganz viele Menschen, die auf ihr Smartphone starren und um sich herum gucken und andere nach ihren Namen fragen. Kaum einer kennt wirklich alle Mitglieder des Vereins und weíß sofort, wo er hin muss.

Trotzdem klappt das natürlich viel besser, als die letzten Jahre, wo man sich quasi die Aushänge merken musste.

Am 15.09., nach zwei Trainingseinheiten, waren wir dann auch gleich bei einem Auftritt auf dem Rathausplatz von Tarragona dabei.

 

Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag: Unser erster Auftritt des Jahres

Ältere zu den Castells:  #sentimjunts – Wir machen Menschenpyramiden bei den Castellers – 1. Teil

Die allgemeine Dienstpflicht

Mein Mann hat letzte Woche einen Artikel, oder eher „Rant“, gegen die allgemeine Dienstpflicht veröffentlicht, der bei vielen zu Emotionen geführt. Wäre unser Welt eine andere, wäre ich durchaus für diese „Dienstpflicht“. Und vielleicht ist sie auch ein Schritt näher zu dieser Welt, die ich mir wünsche. Könnte man hoffen. Aber „Spoiler Alarm“: ist es wahrscheinlich nicht.

Dafür?

In meiner idealen Welt leben wir in einer Community, in der jede sich für die Gemeinschaft engagiert und etwas aus der Gemeinschaft bekommt. Es gilt als selbstverständlich, sich als junger Mensch ein Jahr um andere zu kümmern.

In meiner Welt wird der Wert eines Menschen nicht im Gehalt gemessen, das sie bekommt, sondern an dem was sie für die Gemeinschaft leistet.

In meiner Wunschwelt werden Arbeitsstellen an die Menschen vergeben, die charakterlich am ehesten geeignet sind. Das Alter oder der strebsame Lebenslauf ohne Lücken ist dafür irrelevant.

In meiner Welt hat jede immer genügend Geld um zu leben, ob sie arbeitet oder nicht. Jede Person hat die gesundheitliche Versorgung, die sie benötigt, unabhängig von Gehalt, Herkunft, Religion oder Lebensstil.

In meiner Welt braucht man keine Dienstpflicht, weil viele Menschen sich gerne um andere kümmern und dies als ehrbare Aufgabe gilt. Sie wird gerne wahrgenommen, weil sie als wichtiger Bestandteil unserer Gemeinschaft anerkannt wird.

Dagegen!

In einer Welt, in der der Wert einer Arbeit und damit eines Menschen unter anderem nach dem Gehalt gemessen wird, ist es entwürdigend, Menschen zu niedrigst bezahlter Arbeit zu zwingen.

In einer Realität, in der sich das Gehalt kapitalistisch an Angebot und Nachfrage orientieren soll, macht es das System kaputt, wenn Menschen in diese Jobs gezwungen werden und so das Angebot künstlich erhöht wird.

In einer Welt, in der „jung sein“ und ein möglichst direkter Lebenslauf ohne Lücken notwendig ist, um gute finanzielle Mittel zu bekommen, ist es kontraproduktiv Menschen für ein Jahr auf einen „Umweg“ zu zwingen.

In einer Gesellschaft in der Möglichkeit der Selbstverwirklichung und Freiheit die größten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sind, ist diese Dienstpflicht mit einer Strafe gleich zu setzen.

Charakterbildend… am Arsch!

Im diesjährigen Sommerloch wird darüber diskutiert, die Aussetzung der Wehrpflicht rückgängig zu machen, und zwar für Männer und Frauen. Ich sehe da eine Luftnummer. Wenn es eine Wehrpflicht für Männer und Frauen geben soll, müsste man Artikel 12a des Grundgesetzes ändern, denn dort steht ganz eindeutig, dass Männer  zum Dienst in den Streitkräften verpflichtet werden können. Ich glaube kaum, dass es dafür eine Zweidrittelmehrheit gibt. Eigentlich hätte sich dieses Vorhaben damit schon wegen Aussichtslosigkeit erledigt, wenn nicht in der Union und auch der SPD nun die Befürworter des Pflichtdienstes wieder aus ihren Löchern kämen.

Zivildienst

In Wahrheit geht es aber gar nicht um die Wehrpflicht. Die Bundeswehr hat ganz andere Sorgen. Selbst der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, der sich 2014 noch stark für die Wehrpflicht ausgesprochen hat, kritisiert die aktuelle Debatte und meint, es werde hier nur „eine neue Sau durchs Dorf getrieben“.  Eigentlich geht es darum, über eine allgemeine Dienstpflicht den Zivildienst wieder einzuführen. Karl Lauterbach von der SPD spricht das aus und sagt, dass wegen des Wegfalls des Zivildienstes in vielen sozialen Einrichtungen diese Kräfte fehlten.

Doch das kann eigentlich nicht richtig sein.

Nach geltendem Recht darf ein Zivildienstleistender gar nicht für Tätigkeiten eingesetzt werden, in denen er regulär Beschäftigte ersetzt. Ein Zivildienstleistender durfte eigentlich nie in der Pflege, sondern nur für die Betreuung eingesetzt werden. Mit was wir es hier zu tun haben ist also nichts anderes als ein Eingeständis, dass über Jahre hin Rechtsbruch toleriert wurde.

Zwangsrekrutierte Billigarbeiter statt Fachkräfte

Wenn also der Ruf nach einer Dienstpflicht mit der Begründung laut wird, dass im sozialen Bereich Arbeitskräfte fehlen, bedeutet dass nichts anderes als dass ordentlich bezahlte und ausgebildete Kräfte durch zwangsrekrutierte Billigarbeiter ersetzt werden sollen.

Doch das wird hoffentlich schon deshalb nichts, weil es gegen das Verbot der Pflichtarbeit in der europäischen Menschenrechtskonvention verstößt. Artikel 1 des Grundgesetzes steht sowieso schon in Konflikt mit Artikel 12. Zwangsarbeit ist eine Missachtung der Würde des Menschen. In Zeiten des kalten Krieges war eine Ausnahme zur Landesverteidigung gerade noch hinnehmbar. Eine Zwangsverpflichtung junger Menschen, nur weil man billige Arbeitskräfte braucht, ist es nicht.

Charakterbildend? Nicht geschadet?

Und dann wäre da noch das Argument, dass dieses Dienstjahr charakterbildend ist und ja noch niemandem geschadet hat und bla bla bla…

Charakterbildend am Arsch. Aus persönlicher Sicht war mein Zivildienst nichts als Zeitverschwendung, vergeudete Lebenszeit. Mag sein, dass ich einigen kranken und behinderten Menschen geholfen habe. Vielleicht habe ich aber auch nur einer Fachkraft den Arbeitsplatz weggenommen. Es hat meinen Charakter nicht geprägt. Es hat mir nicht geschadet, es hat mir aber auch rein gar nichts gebracht.

Wer selbst gedient oder Zivildienst geleistet hat und etwas anderes behauptet, der verklärt die Vergangenheit oder lügt.

Es hat auch der Gesellschaft nichts gebracht. Wahrscheinlich hätte es der Gesellschaft mehr gebracht, wenn ich ein Jahr früher in den Beruf eingestiegen wäre und somit ein Jahr früher Steuern gezahlt hätte.

Ich hätte ein Jahr früher Forschung betreiben und Deutschland und Europa im Bereich des Machine Learning voranbringen können. Stattdessen war der Staat der Meinung, dass mein Zivildienst für die Gesellschaft wichtiger war. Da gehen unsere Meinungen wohl auseinander.

Ihr wollt doch nur andere leiden sehen!

Wer heute für eine Wiedereinsetzung der Wehrpflicht oder gar für eine allgemeine Dienstpflicht ist, will nur andere leiden sehen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Die Einstellung meiner Eltern und Großeltern war, dass es ihren Kindern besser gehen soll als ihnen selbst. Wer heute Achtzehnjährige zu einem Jahr Zwangsdienst verpflichten will, tut dies, weil er oder sie der Meinung ist, dass es die Jungen zumindest in diesem Punkt nicht besser haben sollen. Das ist nicht in Ordnung!

Wenn heute die Dienstpflicht mit dem Argument gefordert wird, sie würde den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, verkennt die Realität. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird sicher nicht dadurch gesichert, dass man Achtzehnjährige zum Dienst verpflichtet. Er wird umgekehrt auch nicht dadurch gefährdet, dass sie das gegenwärtig nicht tun müssen.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird dadurch gefährdet, dass heute alles schön billig sein muss. Dadurch, dass es haufenweise Menschen gibt, die schlecht bezahlt werden. Und jetzt soll also der gesellschaftliche Zusammenhalt dadurch hergestellt werden, dass man alle jungen Menschen dazu zwingt, noch schlechter bezahlt die Arbeiten zu tun, für die sich auf dem Arbeitsmarkt niemand findet. Wie bescheuert ist das denn!?

 

Fake Science und Verlage

Derzeit berichtet die Tagesschau unter dem Titel „Fake Science“ über pseudowissenschaftliche Verlage, die ohne Peer Review gegen Bezahlung alles veröffentlichen. Am Montag soll dazu im Ersten die volle Reportage laufen.

Neu ist das Phänomen nicht. Schon 2005 haben drei MIT-Studenten ein computergeneriertes Fake-Paper bei einer Konferenz untergebracht und vor etwas über einem Jahr hat es die gewagte These, dass der konzeptuelle Penis Schuld am Klimawandel hat, nicht nur in eine Fachzeitschrift der Sozialwissenschaften, sondern auch in die Medien geschafft.

Im Interview mit der Tagesschau – siehe dazu weiter unten das eingebettete Video –unterscheidet die Journalistin Svea Eckert, die im Rahmen ihrer Recherchen selbst eine solche pseudo-wissenschaftliche Konferenz besucht hat, zwischen drei Gruppen von Teilnehmern. Zum einen ernsthafte Wissenschaftler, die die Pseudowissenschaftlichkeit der Konferenz oder Zeitschrift im Vorfeld nicht erkannt haben, denen schlicht das Geld aus der Tasche gezogen wurde und die danach nie wieder dort auftauchen. Zum zweiten Wissenschaftler, die unter hohem Publikationsdruck stehen und diesen Weg nutzen, um die Zahl ihrer Publikationen künstlich in die Höhe zu treiben.

Die dritte Gruppe dagegen, deren Existenz mir in der Tat so noch nicht bewusst war, ist gefährlich. Sie nutzt diese Veröffentlichungsmethode, um ihre eigenen Interessen durch scheinbar wissenschaftliche Studien zu untermauern und so zum Beispiel wertlose „Medikamente“ zu verkaufen.

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Hintergrund GcMAF

Einer der Auslöser für die Recherchen war offenbar der Tod der an Krebs erkrankten Moderatorin Miriam Pielhau, die auf Basis von falschen Studien über das Mittel GcMAF darauf gesetzt hatte. Pikant ist an dieser Stelle allerdings, dass über dieses Mittel zuerst in eigentlich als seriös eingestuften Zeitschriften zum Beispiel aus dem Wiley-Verlag veröffentlicht wurde, die Studien dann aber später zurückgezogen wurden, wie ich über einen Tweet mitbekommen habe.

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Die komplette Reportage anzuschauen könnte durchaus lohnen. Allerdings lenkt diese „Fake Science“-Reportage zu diesem Zeitpunkt den Blick von einem anderen, weniger öffentlich diskutiertem, aber für Wissenschaftler mindestens genau so wichtigem Schauplatz ab: den gescheiterten Verhandlungen des Projekt DEAL, einer Bestrebung zur bundesweiten Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage, mit Elsevier.

Gierige Wissenschaftsverlage

Wie unterscheidet sich denn eigentlich das Geschäftsmodell eines Verlags wie Elsevier von dem der „Fake Science“-Verlage? Erschreckenderweise ist die Antwort: Fast gar nicht. Beide kassieren für die Veröffentlichung von Papieren von den Autoren, also den Wissenschaftlern. Elsevier verlangt aber zudem noch Geld von den Wissenschaftlern, die die Artikel ihrer Kollegen hinterher lesen wollen, und zwar nicht zu knapp. Weil Elsevier an dieser Stelle die Hand ein wenig zu weit aufhält, sind die Verhandlungen erst einmal auf Eis gelegt, teilt die Hochschulrektorenkonferenz mit. Natürlich findet bei seriösen Wissenschaftsverlagen eine Begutachtung durch Kollegen, ein Peer Review, statt, dies geschieht aber ehrenamtlich durch andere Wissenschaftler. Unterm Strich zieht also ein Verlag wie Elsevier den Forschern das Geld noch schlimmer aus der Tasche als die „Fake Science“-Verlage und die öffentliche Hand zahlt dreifach: Die Forschung selbst wird meistens öffentlich gefördert, der Verlag wird für die Veröffentlichung bezahlt und die Bibliotheken der Hochschulen zahlen nochmal dafür, dass ihre Wissenschaftler die Veröffentlichungen dann auch lesen dürfen.

Dass es auch anders geht, zeigen Open-Access-Journale wie z.B. das Journal of Machine Learning Research. Dieses Magazin ist ein Beispiel, das eindrucksvoll zeigt, dass die Wissenschaftsverlage nichts, aber auch gar nichts leisten, was nicht auch von Wissenschaftlern in Eigenregie erledigt werden kann.

In der Informatik scheint man generell schon etwas weiter zu sein als in den Naturwissenschaften. Ich habe beim Schreiben meiner Doktorarbeit praktisch alle von mir gelesenen Aufsätze frei im Netz finden können, weil sowieso die allermeisten Papers in diesem Bereich von ihren Autoren zusätzlich auf ihren eigenen Homepages oder denen der Universität zugänglich sind. Und wenn nicht, würden sicher viele Autoren auf Nachfrage ihre Papers auch direkt rausrücken, schließlich wollen die ja zitiert werden. Bei den Informatikern spielt Elsevier glücklicherweise so gut wie keine Rolle und die Bedingungen des Springer-Verlags (der Wissenschaftsverlag, nicht der von der Bildzeitung), der im Informatikbereich viele Konferenzbände veröffentlicht, sind weniger restriktiv. Da hieß es damals, dass es von Seiten des Verlags wünschenswert sei, dass man mit der Veröffentlichung auf der eigenen Homepage bis ein Jahr nach Veröffentlichung bei Springer warten soll. Ich dachte mir dann immer, dass es von meiner Seite wünschenswert ist, das nicht zu tun. Das war dann auch ok.

Wenn die Verhandler des Projekts DEAL hart bleiben, kommt vielleicht auch Elsevier irgendwann zu der Erkenntnis, dass die Wissenschaftler sehr wohl ohne die Verlage leben können, aber die Verlage nicht ohne die Wissenschaftler. Immer mehr Forscher lehnen es inzwischen ab, für Elsevier ehrenamtlich Peer Review zu betreiben oder bei Elsevier zu veröffentlichen. Und wer von dort was lesen muss, der wird sich jetzt, da den deutschen Universitätsbibliotheken der Zugang gesperrt wurde (bis vor kurzem hatte den Elsevier in seiner unendlichen Güte auch nach Auslaufen der alten Lizenz noch zur Verfügung gestellt), vielleicht das „umstrittene“ Sci-Hub für sich entdecken…

Amazon Prime Video und Netflix auf dem Raspberry Pi

Um einem nicht so smarten TV ein wenig Grips einzutreiben, bietet sich ein kostengünstiger Raspberry Pi mit dem Media Center KODI an. Es empfiehlt sich aus Performance-Gründen ein Raspberry Pi 3.

Es sind allerdings ein paar Sachen zu beachten, wenn man auch Netflix und Amazon Prime Video schauen will, weswegen ich hier einmal zusammentragen will, was ich dafür konfigurieren musste.

KODI, LibreELEC und NOOBS

Zunächst einmal ist zu beachten, dass die für Amazon und Netflix nötigen Add-Ons nur mit der neuesten Version 18 von KODI laufen und die aber nicht auf dem „normalen“ Raspbian-Betriebssystem. Es ist daher angezeigt, LibreELEC zu installieren. Mit dieser Linux-Distribution kann man nicht viel anderes machen als KODI laufen zu lassen, das aber dafür gut. LibreELEC kann zunächst wie die meisten anderen Raspi-Betriebssysteme ganz bequem über NOOBS installiert werden.

„Milhouse 9.0“-Builds

Für die Amazon- und Netflix-Plugins braucht man die neueste Version. Hierzu geht man nach dem ersten Hochfahren von KODI aus auf die LibreELEC-Einstellungen und stellt unter „System“ die Aktualisierungen auf manual und bei den benutzerdefinierten Kanälen die URL http://milhouse.libreelec.tv/builds/master/RPi2 ein (auch wenn man einen Raspi 3 hat). Unter Update-Kanal stellt man dann auf „Milhouse 9.0“ und wählt dann unter „Verfügbare Versionen“ einen der aktuellen Nightly-Builds aus.

Achtung, diese sind nicht immer so stabil! Versionen vom Mai liefen bei mir nicht so gut, jetzt habe ich mich mehr oder weniger willkürlich für die Version 0421 vom 21. April entschieden und damit läuft es gut.

Amazon Prime Video

KODI ist nur nicht viel ohne Add-Ons. Viele gute offizielle Add-Ons findet man im gewöhnlichen Repository, nicht so die Netflix- und Amazon-Plugins. Dazu installiert man zuerst aus dem normalen Repository ein neues Repository, nämlich „Kodinerds“. Das findet man unter All Repositories ➜ Add On Repositories ➜ Kodinerds Add-ons und vom Kodinerds Repository installiert man dann wieder zwei andere Repositories, nämlich erst mal „Sandmann79s Repository“ für die Amazon-Add-Ons und das „Netflix“-Repository für das Netflix-Add-On (siehe zu Netflix unten).

Bei den angebotenen Amazon-Add-Ons scheint das internationale „Amazon VOD“ besser zu funktioniert als das andere, das nur für Deutschland gedacht ist. Letzteres lädt die Playlisten des eigenen Accounts in eine lokale Datenbank, was aber unnötig lange dauert.

Für die Wiedergabe von DRM-geschützten Material, die es von Amazon oder Netflix kommt, braucht man die „Widevine“-Libraries. Das Amazon-Plugin installiert die automatisch, das dauert aber etwas.

In den Einstellungen des Add-Ons sollte man noch bei der Wiedergabemethode „Input Stream“ einstellen. Ein gültiger Prime-Account ist natürlich Pflicht, die Zugangsdaten gibt man auch in den Einstellungen des Add-Ons ein.

Netflix

Bei Netflix hat bei mir die Installation aus dem Repository nicht funktioniert, daher habe ich die aktuelle Version des Netflix-Add-Ons von Github heruntergeladen („Clone or download“ auswählen und als ZIP runterladen, siehe Anleitung) und in KODI über „Installation aus ZIP“ installiert. Damit das funktioniert, muss man evtl. in KODI noch die Installation von Add-Ons aus Fremdquellen explizit zulassen. Über die Samba-Dateifreigabe von KODI/LibreELEC findet das ZIP-File den Weg auf die SD-Karte des Raspi. Auch für Netflix ist selbstverständlich ein gültiger Login erforderlich.

Podcasts

Zu beachten ist noch, dass die Version des beliebten „Apple iTunes Podcasts“-Add-On (das keinen iTunes-Account braucht, sondern nur so heißt, weil es die Liste der Podcasts von Apple zieht) aus dem KODI-Repository nicht mit dieser Konfiguration läuft. Im KODI-Forum wird erklärt, wie man das Add-On trotzdem zum Laufen bekommt.

Alternativ kann man aber seine Podcasts auch anders über KODI abspielen. Man trägt dazu die URL des RSS-Feeds seines Podcasts über Musik- bzw. Video (je nachdem, ob es ein Audio- oder Video-Podcast ist) als Quelle ein, allerdings nicht beginnend mit „http://“, sondern mit „rss://“.

Nutch und Solr einrichten

Wer selber Suchmaschinenbetreiber werden und dem Großen G Konkurrenz machen will, kann das mit dem Webcrawler Nutch und dem Suchserver Solr tun. Leider ist das Tutorial von Nutch nicht ganz so deutlich, enthält ein paar unnötig komplizierte Sachen und zudem in einer nicht ganz logischen Reihenfolge.

Das hier gezeigte Vorgehen wurde mit Ubuntu 16.04 getestet, sollte aber genau so mit anderen Linuxen oder macOS funktionieren.

Unter Windows laufen die Nutch-Skripte nicht. Da das eigentliche Nutch selbst aber genau wie Solr in Java implementiert ist, ließe sich das mit Cygwin lösen. Die Frage ist nur, ob man das auch will…

Für die Beispiele wird davon ausgegangen, dass sich Nutch im Verzeichnis „apache-nutch-1.14“ und Solr im Verzeichnis „solr-6.6.3“ jeweils direkt unterhalb des Home-Verzeichnisses befinden.

Wer möchte, kann das Nutch-Tutorial parallel öffnen. Ich orientiere mich hier am Stand des Tutorials vom Mai 2018 und weise jeweils auf Stellen im Tutorial hin.

1. Voraussetzungen: Java und Solr

Siehe Abschnitt Requirements im Tutorial.

Nutch 1.14 setzt Java voraus. Von mir wurde Nutch mit Java 1.8 getestet.

Ant ist nicht nötig, wenn Nutch als Binary geladen und nicht selbst kompiliert werden soll.

Damit Nutch die gecrawlten Webseiten direkt zum Indexieren an Solr weiterreichen kann, muss die passende Solr-Version laufen. Nutch 1.14 läuft mit Solr 6.6

Die Installation von Solr ist denkbar einfach, es ist lediglich ein Archiv herunterzuladen und zu entpacken.

(Im Tutorial wird Solr erst später erwähnt, es ist meiner Ansicht nach aber empfehlenswert, schon an dieser Stelle Solr zum Laufen zu bringen und zu testen.)

2. Nutch herunterladen

Siehe Option 1 im Abschnitt Install Nutch im Tutorial.

Die Installation von Nutch läuft erst mal fast genau so: Downloaden von http://nutch.apache.org/ und in ein Verzeichnis nach Wahl entpacken.

Siehe nun Verify your Nutch installation im Tutorial.

Aus dem Nutch-Verzeichnis heraus sollte jetzt ein „bin/nutch“ schon funktionieren und Nutch sollte zumindest mal ein Lebenszeichen von sich geben.

Wenn Nutch wie oben angegeben ins Verzeichnis „apache-nutch-1.14“ entpackt wurde, sind folgende Befehle einzugeben:

cd apache-nutch-1.14/
bin/nutch

Es sollte eine Meldung erscheinen, die die möglichen Nutch-Kommandos auflistet.

Achtung: An der /etc/hosts herumzufummeln, wie es im Tutorial steht, sollte im allgemeinen nicht notwendig sein!

3. JAVA_HOME setzen

Wir sind immer noch bei Verify your Nutch installation im Tutorial.

Möglicherweise ist die Umgebungsvariable JAVA_HOME nicht gesetzt. Ob das so ist, erfährt man durch Eingabe von

echo $JAVA_HOME

Wenn nichts ausgegeben wird, war JAVA_HOME nicht gesetzt. Dann ist unter Ubuntu (oder Debian) folgendes zu tun:

export JAVA_HOME=$(readlink -f /usr/bin/java | sed "s:bin/java::")

Damit beim nächsten Neustart des Terminals die JAVA_HOME gleich gesetzt ist, empfiehlt es sich, diese Zeile ans Ende der .bashrc im Home-Verzeichnis anzufügen:

cd

echo 'export JAVA_HOME=$(readlink -f /usr/bin/java | sed "s:bin/java::")' >> .bashrc

Unter macOS setzt man die JAVA_HOME wie folgt auf den korrekten Wert (Achtung, die Angabe im Nutch-Tutorial stimmt für neuere macOS-Versionen nicht!):

export JAVA_HOME=$(/usr/libexec/java_home)

Bei macOS würde man die JAVA_HOME wohl eher in der .profile setzen:

cd

echo 'export JAVA_HOME=$(/usr/libexec/java_home)' >> .profile

4. Crawler-Properties

Wir sind im Tutorial nun bei Customize your crawl properties.

Der Crawler meldet sich bei den Web-Server, die gecrawlt werden, mit seinem Namen. Es ist aber standardmäßig nichts voreingestellt. Ohne dass wir hier etwas konfigurieren, verweigert Nutch seinen Dienst.

In die Datei apache-nutch-1.14/conf/nutch-site.xml muss folgendes rein (der fette Teil ist neu):

<?xml version="1.0"?>
<?xml-stylesheet type="text/xsl" href="configuration.xsl"?>

<!-- Put site-specific property overrides in this file. -->

<configuration>
<property>
<name>http.agent.name</name>
<value>Der Test Nutch Spider</value>
</property>
</configuration>

Statt „Der Test Nutch Spider“ sollte man natürlich selber irgendeinen Namen wählen.

5. Solr konfigurieren

Wir überspringen einiges im Tutorial und gehen nun direkt zu Setup Solr for search.

Im Tutorial wird als zu Nutch 1.14 zugehörig die Version Solr 6.6.0 angegeben. Im Test funktionierte es aber auch mit 6.6.3. Mit Solr 7 dagegen könnte es Probleme geben.

Die von Nutch gecrawlten Webseiten sollen in einen eigenen Solr-Core. Zum Setup des Schemas für diesen Core nehmen wir die Standard-Beispielkonfiguration von Solr und kombinieren sie mit einer schema.xml, die von Nutch geliefert wird.

Die Schritte im einzelnen:

1. Das Configset basic_configs kopieren und neu nutch nennen.

2. Die managed_schema im Configset nutch löschen.

3. Die schema.xml von Nutch ins neue Configset nutch kopieren.

4. Solr starten

5. Einen neuen Core unter Verwendung des soeben erstellen Configsets einrichten.

Die Befehle dazu:

cd
cd solr-6.6.3/
cd server/solr/configsets/

cp -r basic_configs nutch

cd nutch/conf

rm managed-schema

cd

cp apache-nutch-1.14/conf/schema.xml solr-6.6.3/server/solr/configsets/nutch/conf/

cd solr-6.6.3/

bin/solr start

bin/solr create -c nutch -d server/solr/configsets/nutch/conf/

6. Nutch klar machen zum Crawlen

Wir springen nun im Tutorial zurück zu „Create a URL seed list„.

Wenn man das Web crawlen will, muss man irgendwo anfangen. Diese Startseiten kommen in die Seed List.

Den Teil des Tutorials, wie man an eine schöne Seed List kommt, in dem man z.B. eine Liste von Webseiten von dmoz herunterlädt, ignorieren wir hier mal, wir machen das von Hand und setzen unsere Lieblingswebseite als Startpunkt.

Die Schritte im einzelnen:

1. Unterhalb von apache-nutch-1.14 ein Verzeichnis urls anlegen

2. Darin eine Datei seed.txt anlegen und da drin einfach eine Liste von URLs eintragen.

Konkret:

cd

cd apache-nutch-1.14/

mkdir urls

cd urls

echo 'http://hs-furtwangen.de/' > seed.txt

Jedenfalls sollte man das so machen, wenn die Webseite der Hochschule Furtwangen die Lieblingswebseite ist.

Den Regex-URL-Filter (siehe Tutorial) lassen wir so er ist. Wir müssten den ändern, wenn wir z.B. nur die Unterseiten einer Homepage crawlen und indexieren wollen, ohne externe Links zu verfolgen.

Den ganzen Abschnitt „Using Individual Commands“ überspringen wir mal getrost. Die Befehle, die dort stehen, sind zwar schön, wenn man mal sehen will, was im einzelnen passiert, aber zu kompliziert.

7. Crawl starten!

Wir gehen im Tutorial direkt zu Using the crawl script.

Den Aufruf des Crawl-Skripts ist im Tutorial erklärt, aber wir können selber das Skript von einem eigenen Skript aus starten, das direkt schon die gewünschten Parameter enthält. 🙂

Ich gehe hier davon aus, dass, wie hier im Beispiel, der Solr-Server auf dem selben Rechner läuft, der Core nutch heißt und die Seed-Liste dort liegt, wo wir sie in Schritt 4 gerade angelegt haben. Außerdem sind hier jetzt mal 50 Iterationen eingestellt. Das ist viel! Man kann den Crawl-Vorgang aber ruhig zwischendurch abbrechen.

cd

cd apache-nutch-1.14/

echo 'bin/crawl -i -D solr.server.url=http://localhost:8983/solr/nutch -s urls crawl 50' >> crawl.sh

chmod +x crawl.sh

./crawl.sh

8. Die Ergebnisse begutachten

Schon während der Crawl läuft, können wir in der Admin-Oberfläche von Solr den Index abfragen. Spätestens jetzt empfiehlt es sich, sich mit dem Schema des neuen Cores vertraut zu machen, um anschließend ein schönes Frontend programmieren zu können.

Viel Spaß!

@ oder die rechte und die linke Hand des Teufels

Normalerweise ist es auch bei einer Mac-Tastatur völlig egal, ob man die linke oder die rechte alt-Taste (beim Mac auch option-Taste) verwendet.

Böse Falle: Hat man ein Ubuntu-Linux in Parallels laufen, wird die linke alt-Taste das Menü der jeweiligen Anwendung öffnen, nur mit der rechten alt-Taste kann man zum Beispiel das @-Symbol (alt+L) eingeben.

Aber Vorsicht: Während das bei der internen Tastatur eines MacBook gilt, sieht es bei externen Tastaturen schon wieder anders aus und es kann sein, dass es dort genau andersherum ist…