Archiv für den Monat: Oktober 2017

Die schweigende Mehrheit?

In den deutschen Medien wird derzeit geschrieben, dass nun diejenigen auf die Straße gehen, die als die „schweigende Mehrheit“ bezeichnet werden. Dazu ein paar Anmerkungen:

Es ist vermutlich nicht die Mehrheit

Am Wochenende waren in Barcelona nach Angaben der katalanischen Polizei 350.000 Menschen auf der Straße. Im September waren es bei den Kundgebungen für die Unabhängigkeit mindestens doppelt so viele. Was in den deutschen Medien nicht berichtet wird: Nach dem katalanischen Fernsehen wurden die Demonstranten teils mit Bussen nicht nur aus allen Teilen Kataloniens, sondern auch von außerhalb herangekarrt, sogar von 10 Bussen aus Madrid ist die Rede. Hinzu kommen weitere Menschen, die mit dem Zug angereist sind.

Rechtsradikale unter den Demonstranten

Auch wenn die El País mal wieder versucht, das Problem herunterzuspielen und einzelne Bilder als Fälschungen oder als von anderen Demonstrationen stammend anprangert, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass eben doch (Neo-) Falangisten dabei sind. Diese Flagge, die ich bei einem Unionisten am 1. Oktober gesehen habe…

Plaça Catalunya, 1. Oktober
Plaça Catalunya, 1. Oktober

… wusste ich zunächst nicht so recht einzuordnen. Die Einheit Spaniens ja schließlich das, was dieser Demonstrant will. Eine einfache Web-Suche nach „Viva la unidad de España“ offenbart aber, wo man diese Flagge kaufen kann.

Screenshot der Suche nach "Viva la unidad de España"
Screenshot der Suche nach „Viva la unidad de España“

Schauen wir uns einmal die Seiten an. Der Name der ersten Webseite, „La Falange“, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Der zweite Treffer ist die „Alternativa Española“, eine rechtsextreme Partei. Der dritte Treffer ist nur ein Zeitungsartikel über die Demonstration vom 1. Oktober, aber der vierte Treffer ist dann der „Tienda Falangista“, offenbar eine Art Fanshop für Falangisten.

Es ist auch bezeichnend, dass bei den Demonstrationen der Unionisten, die ich am 1. Oktober gesehen habe, wesentlich mehr Polizei vor Ort war als bei den Independisten. Bei den Independisten waren es oft nur ein, zwei Hand voll, während ich bei den Demonstrationen der Unionisten mehrere Kleinbusse der Mossos gesehen habe.

Zum Feuilleton der Süddeutschen

Am heutigen 9. Oktober heißt es im Feuilleton der Süddeutschen, dass die Selbstbestimmung gefährlich wird, „wenn sie ethnische Gleichförmigkeit erzwingen will“. Der Autor suggeriert damit, dass dies in Katalonien so sei, aber verkennt die Lage völlig.

In einem Interview mit dem Spiegel, das aus Anlass des bevorstehenden Referendums mit Carles Puigdemont geführt wurde, sagte dieser ganz deutlich: „Der katalanische Nationalismus ist nicht ethnisch. Das ist unsere Stärke, darauf sind wir stolz. Katalonien ist ein Land der Einwanderer. 70 Prozent aller Katalanen haben mindestens ein Elternteil, das Wurzeln außerhalb unseres Landes hat. Es gibt viele Identitäten und Traditionen, sie widersprechen sich nicht. Wir stehen nicht für das alte Konzept: Ein Staat, eine Nation, eine Sprache, ein Volk. Katalane ist, wer hier lebt und arbeitet – und das auch will.“

Diese Aussage deckt sich mit dem, was ich vor Ort erlebt habe. Wer sich für die katalanische Kultur interessiert, der ist willkommen. Die Existenz der spanischsprachigen Organisation Súmate beweist, dass der Independismus nicht einmal etwas damit zu tun haben muss, die katalanische Sprache zu beherrschen.

Fazit

Man kann für oder gegen die Unabhängigkeit sein, man darf auch nicht verschweigen, dass eine sofortige, einseitig erklärte Unabhängigkeit Kataloniens große Probleme mit sich bringt.

Was die deutschen Medien aber nicht tun sollten ist, dem Narrativ der PP-Zentralregierung zu folgen, das auch zum Beispiel von der El País verbreitet wird. Die deutschen Medien sollten auch nicht verschweigen, wer dort so alles bei den Demonstrationen mit läuft.

Barcelona

Bekanntermaßen fand am 1. Oktober das von Polizeigewalt begleitete Referendum über die Unabhängigkeit in Katalonien statt. Wir waren am 30. September und 1. Oktober in Barcelona und konnten ein wenig die Stimmung vor Ort spüren. Natürlich sind das alles nur unsere subjektiven Momentaufnehmen.

Am Nachmittag des 30. September fanden wir auf dem Platz vor dem Triumphbogen einen Stand der ANC (Assemblea Nacional Catalana). Dort hatten sich auch einige Giganten versammelt, die für die Abstimmung demonstrierten.

Hier haben wir Martí und Valentina beim Tanzen gefilmt, die Giganten aus Calonge.

Wir haben uns Demonstrationen beider Seiten angesehen. Von keiner Gruppe ging Gewalt aus, allerdings wirkten die Demonstranten, die am 30. September auf dem Plaça de Sant Jaume zwischen Rathaus (Ajuntament) und Sitz der Regionalregierung (Palau de la Generalitat) für die Einheit Spaniens demonstrieren, nicht sonderlich sympathisch. Man beachte auf dem folgenden Photo nicht nur das Transparent „Més demoncràcia“ am Ajuntament, sondern auch das Transparent der unabhängigkeitsbefürwortenden Organisation Òmnium Cultural an dem Gebäude rechts im Hintergrund, auf dem ebenfalls „democràcia“ steht. Die Transparente gehören also nicht zu den Demonstranten!

Demonstration von Unionisten vor dem Ajuntament von Barcelona
Demonstration von Unionisten vor dem Rathaus von Barcelona

Nur wenige Minuten später verschafften sich Demonstranten Zugang zum Dach des Hauses und rissen das Transparent ab. Auf Bildern, die im katalanischen Fernsehen gezeigt und die vom anderen Ende des Platzes aufgenommen wurden, sieht man, dass einzelne Demonstranten noch auf dem abgerissenen Plakat herumtrampeln. Auf meinem eigenen Video hört man die Menge grölen, als das Plakat endgültig abgerissen ist.

Spätestens ab diesem Punkt fühlte ich mich auf dem Platz etwas unwohl. Später haben wohl Demonstranten auch versucht, das Transparent vom Rathaus zu zerstören, was aber nicht ganz gelang.

Unser Ziel an dem Abend war ein Konzert der Gruppe La Pegatina. Und weil heutzutage in Katalonien, wie schon in einem früheren Beitrag geschrieben, alles politisch ist, wurde natürlich auch dort von Fans die Estelada gezeigt. Also die Separatisten haben auf jeden Fall schon mal die bessere Musik.

Estelada bei La Pegatina im Sala Apolo
Estelada bei La Pegatina im Sala Apolo

Am 1. Oktober war dann der Tag der Abstimmung. Mittags konnte ich auf dem Plaça Catalunya einzelne Menschen beider Seiten finden. Ich musste nicht lange für diese Bilder suchen, die symbolisch für den Sympathiefaktor der beiden Seiten stehen. Halb Vermummte habe ich jedenfalls nur bei den Unionisten gesehen.

Separatistin
Separatistin
Unionist
Unionist


Später gingen wir zum Palau de la Generalitat, wo einige wohl auf einen Vertreter der Regierung warteten.

Palau de la Generalitat
Palau de la Generalitat

Da zwar Oriol Junqueras mal kurz gesehen wurde, aber anschließend im Gebäude verschwand, sind wir wieder zurück zur Plaça Catalunya, wo die Wahlparty der Independisten stattfand. Auf dem Weg dahin kamen wir noch an einem Wahllokal in einer Schule vorbei.

Escola Drassanes
Escola Drassanes

Hier war alles ruhig. Wie heute (am 5.10.) im katalanischen Fersehen berichtet wurde, lief dem Bericht der Wahlbeobachter nach die Wahl nicht nach internationalen Standards ab. Es wurde allerdings auch bemerkt, dass die Umstände es nicht anders erlaubten. Es ist bemerkenswert, dass nach all den Konfiszierungen von Wahlurnen und Stimmzetteln im Vorfeld überhaupt genügend Material zur Verfügung stand.

Die Stimmung auf dem Plaça Catalunya kurz vor dem Auftritt von Jordi Cuixart von der Organisation Òmnium Cultural war ganz gut, die Menge ruft wieder „Independència“.

Und während Theo Koll hinter uns gerade im heute-journal erzählt, man wüsste nun nicht, wie es weiter geht, rufen vorne auf der Bühne Jordi Cuixart (rechts) und Jordi Sànchez (links) von der ANC zum Generalstreik am 3. Oktober auf.

Jordi Sànchez und Jordi Cuixart
Jordi Sànchez und Jordi Cuixart

So weit unsere Eindrücke von zwei wilden Tagen in Barcelona.

Schlecht kopiert

Endlich äußert sich der König zur Lage in Katalonien – und tut nichts anderes, als das Narrativ der PP nachzuplappern. Natürlich sind nur die Katalanen schuld. Es folgt kein Wort über die Polizeigewalt vom 1. Oktober, kein Wort über die seit Jahren verweigerte Dialogbereitschaft der Zentralregierung.

Das muss man sich überhaupt erst mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein nicht gewählter Monarch, der allein kraft seiner Geburt (und wegen Diktator Francisco Franco!) nicht nur König der Kastilier, sondern eben auch der Katalanen sein will, bezichtigt diese, nicht demokratisch zu sein.

Oder hat Felipe vielleicht versucht, den belgischen König Albert nachzuahmen, der 2006 ebenfalls die Aufgabe hatte, sein Land vor dem Zerfall zu bewahren und vor Separatismus zu warnen? Das hat dieser aber wesentlich besser angestellt, eben weil er die Schuld nicht nur auf einer Seite gesucht, sondern stattdessen versucht hat, zu vermitteln.

In beiden Fällen hat Felipe schlecht kopiert. Er gießt noch Öl ins Feuer und trägt nur dazu bei, dass die Unabhängigkeitsbewegung noch mehr erstarkt – weil die Katalanen mit diesem Spanien nichts mehr zu tun haben wollen.

Ein-Mann-Demo vor dem spanischen Königspalast
Aus aktuellem Anlass: Ein-Mann-Demo vor dem Königspalast, 2013

 

Gibraltar

Fast an der Südspitze Europas liegt die zum Vereinigten Königreich zählende Exklave Gibraltar mit seinem berühmten Felsen. Da Gibraltar somit zwar (noch) zur EU, aber nicht zum Bereich des Schengener Abkommens (und außerdem auch  nicht zum Zollgebiet der EU) gehört, gibt es Grenzkontrollen zwischen Spanien und Gibraltar. Und da Gibraltar ziemlich klein ist, aber einen Flughafen hat, war kein Platz mehr für eine Zufahrtsstraße. Deswegen führt die Winston Churchill Avenue quer über die Landebahn. Der Überweg ist wie ein Bahnübergang gesichert.

Ampel am Landebahnübergang
Ampel am Landebahnübergang

Wenn ein Flugzeug starten oder landen will, wird der Übergang geschlossen und es kommt sofort zu Staus. Die Schließzeiten sind verhältnismäßig lang, da zuerst ein Reinigungsfahrzeug die Landebahn und insbesondere den Bereich der Straßenkreuzung abfährt. Anschließend muss ein startendes Flugzeug vom Terminal erst noch zum Ende der Starbahn fahren und dort wenden. Ein Tunnel ist im Bau, um die Verkehrssituation zu entschärfen.

Flughafen Gibraltar
Flughafen Gibraltar

Das Wahrzeichen ist natürlich der Felsen, …

Felsen von Gibraltar von der Landebahn aus gesehen
Felsen von Gibraltar von der Landebahn aus gesehen

… auf dem die bekannten Berberaffen zuhause sind.

Affe
Affe

Im übrigen beweisen die Wolken, die immer am Felsen hängen bleiben, ganz eindeutig, dass Gibraltar britisch ist, …

Fels von Gibraltar
Fels von Gibraltar

… ebenso die Briefkästen.

Gibraltar Post Office
Gibraltar Post Office

Gibraltar ist geprägt von seiner Vergangenheit (und Gegenwart) als Militärstützpunkt. Im Zentrum sind heute in ehemaligen Festungsanlagen am Grand Casemates Square Geschäfte und Fish and Chips Shops.

Grand Casemates Square
Grand Casemates Square

Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Gibraltar zählt auch die Tropfsteinhöhle St. Michaels Cave, in der heute ein Konzertsaal untergebracht ist und die in wechselnden Farben beleuchtet wird.

St. Michael's Cave
St. Michael’s Cave

Um möglichst viele Sehenswürdigkeiten in kurzer Zeit zu erkunden, empfiehlt sich eine Taxi-Tour zum Felsen, der Preis beträgt pro Person etwa 25 £, inklusive der Eintrittsgelder für die Höhle und die alten, maurischen Befestigungsanlagen. Die Fahrer sind offiziell lizenziert und fungieren auch als Führer. Auf den Straßen durch den Naturpark am Felsen dürfen nur Taxis und Einheimische fahren, als Tourist ist man sonst auf die Seilbahn angewiesen, die allerdings auch verhältnismäßig teuer ist.

Übernachten?

Auch wenn das britische Pfund gerade günstig steht, sollte man den Ratschlag, den man in diversen Reiseführern findet, lieber in Spanien zu übernachten, folgen. Hotels sind in Gibraltar sehr teuer, in Algeciras dagegen günstig. Außerdem mussten wir leider erkennen, dass man bei AirBnB in Gibraltar auch an sehr ranzlige Wohnungen geraten kann.

An- und Abreise

Die spanische Stadt direkt an der Grenze heißt La Línea de la Concepcíon und der nächstgelegene Bahnhof ist La Línea-San Roque. Der Bahnhof ist aber sehr weit außerhalb gelegen. Es gibt dort zwar eine Bushaltestelle, die wird aber nur recht selten bedient und nur dann, wenn man sie nicht braucht. Entweder nimmt man also so wie wir ein Taxi (bis zur Grenze 20 Minuten und 20–25 €) oder könnte nach etwas Fußweg (mit Gepäck nicht so empfehlenswert) die Bushaltestelle der Linie von Algeciras nach La Línea, die an einer Schnellstraße liegt, erreichen. Der Busbahnhof von La Línea liegt recht nah am Grenzübergang.

Die andalusische Großstadt Algeciras ist mit dem Bus etwa 45 Minuten von La Línea entfernt und hat auch einen Bahnhof. Wenn man mit dem Zug von Norden kommt, ist man aber doch wesentlich schneller über den Bahnhof La Línea-San Roque, wenn man die Taxikosten nicht scheut.

Ronda

Neben all der Politik gibt es in Spanien natürlich immer noch viele unglaublich schöne Ort zu sehen. Einer davon ist Ronda in Andalusien. Die Stadt Ronda wurde von den Mauren auf einem steil aufragenden Felsen an der Schlucht El Tajo de Ronda des Flusses Guadalevin erbaut.

Ronda – Panorama
Ronda – Panorama

Drei Brücken überspannen den Fluss. Die älteste ist die von den Mauren erbaute „Arabische Brücke“. Ebenfalls ursprünglich von den Mauren erbaut, dann während der Reconquista zerstört und von den Spanien wiedererrichtet ist die höher gelegene „Alte Brücke“.

Alte Brücke
Alte Brücke (von der Arabischen Brücke aus betrachtet)

Die Spanier gründeten auf der anderen Seite der Schlucht einen neuen Stadtteil, das Marktviertel „El Mercadillo“. Im 18. Jhd. wurde die spektakulärste der drei Brücken erbaut, die Neue Brücke, die die Schlucht am höchsten Punkt überspannt.

Neue Brücke in Ronda
Neue Brücke in Ronda

In der sehenswerten Altstadt befindet sich am Rathausplatz die Kirche Santa Maria la Mayor.

Santa Maria la Mayor
Santa Maria la Mayor

Überwiegend wird die Altstadt von engen Gassen geprägt, die sich nur manchmal zu kleineren Plätzen weiten, wie hier an der Kirche Nuestra Señora de la Paz.

Iglesia de Nuestra Señora de la Paz
Iglesia de Nuestra Señora de la Paz

Warum man Ronda auch zu den typischen weißen Dörfern Andalusiens zählen kann, erkennt man bei einem Rundgang sehr schnell. Ein Blick über die Schlucht von der Altstadt ins Marktviertel beweist das.

Blick über die Schlucht
Blick über die Schlucht

Ronda muss man allein schon wegen der spektakulären Schlucht unbedingt gesehen haben! Da die Stadt nicht sehr groß ist, bietet sich an, sie als Tagesausflug zu besuchen, wenn man zum Beispiel in Granada oder Malaga übernachtet. Wir hatten sie als Station mit zwei Übernachtungen auf dem Weg nach Gibralter eingeplant. Wenn man länger bleibt, kann man Wanderungen oder Pferdetouren ins Umland unternehmen oder das Stadtmuseum besuchen. Mutige können – natürlich nur gesichert – die Schlucht mit einer Seilrutsche überwinden oder über in den Fels montierte eiserne Leitern erklimmen.