Die schweigende Mehrheit?

In den deutschen Medien wird derzeit geschrieben, dass nun diejenigen auf die Straße gehen, die als die „schweigende Mehrheit“ bezeichnet werden. Dazu ein paar Anmerkungen:

Es ist vermutlich nicht die Mehrheit

Am Wochenende waren in Barcelona nach Angaben der katalanischen Polizei 350.000 Menschen auf der Straße. Im September waren es bei den Kundgebungen für die Unabhängigkeit mindestens doppelt so viele. Was in den deutschen Medien nicht berichtet wird: Nach dem katalanischen Fernsehen wurden die Demonstranten teils mit Bussen nicht nur aus allen Teilen Kataloniens, sondern auch von außerhalb herangekarrt, sogar von 10 Bussen aus Madrid ist die Rede. Hinzu kommen weitere Menschen, die mit dem Zug angereist sind.

Rechtsradikale unter den Demonstranten

Auch wenn die El País mal wieder versucht, das Problem herunterzuspielen und einzelne Bilder als Fälschungen oder als von anderen Demonstrationen stammend anprangert, lässt sich nicht wegdiskutieren, dass eben doch (Neo-) Falangisten dabei sind. Diese Flagge, die ich bei einem Unionisten am 1. Oktober gesehen habe…

Plaça Catalunya, 1. Oktober
Plaça Catalunya, 1. Oktober

… wusste ich zunächst nicht so recht einzuordnen. Die Einheit Spaniens ja schließlich das, was dieser Demonstrant will. Eine einfache Web-Suche nach „Viva la unidad de España“ offenbart aber, wo man diese Flagge kaufen kann.

Screenshot der Suche nach "Viva la unidad de España"
Screenshot der Suche nach „Viva la unidad de España“

Schauen wir uns einmal die Seiten an. Der Name der ersten Webseite, „La Falange“, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Der zweite Treffer ist die „Alternativa Española“, eine rechtsextreme Partei. Der dritte Treffer ist nur ein Zeitungsartikel über die Demonstration vom 1. Oktober, aber der vierte Treffer ist dann der „Tienda Falangista“, offenbar eine Art Fanshop für Falangisten.

Es ist auch bezeichnend, dass bei den Demonstrationen der Unionisten, die ich am 1. Oktober gesehen habe, wesentlich mehr Polizei vor Ort war als bei den Independisten. Bei den Independisten waren es oft nur ein, zwei Hand voll, während ich bei den Demonstrationen der Unionisten mehrere Kleinbusse der Mossos gesehen habe.

Zum Feuilleton der Süddeutschen

Am heutigen 9. Oktober heißt es im Feuilleton der Süddeutschen, dass die Selbstbestimmung gefährlich wird, „wenn sie ethnische Gleichförmigkeit erzwingen will“. Der Autor suggeriert damit, dass dies in Katalonien so sei, aber verkennt die Lage völlig.

In einem Interview mit dem Spiegel, das aus Anlass des bevorstehenden Referendums mit Carles Puigdemont geführt wurde, sagte dieser ganz deutlich: „Der katalanische Nationalismus ist nicht ethnisch. Das ist unsere Stärke, darauf sind wir stolz. Katalonien ist ein Land der Einwanderer. 70 Prozent aller Katalanen haben mindestens ein Elternteil, das Wurzeln außerhalb unseres Landes hat. Es gibt viele Identitäten und Traditionen, sie widersprechen sich nicht. Wir stehen nicht für das alte Konzept: Ein Staat, eine Nation, eine Sprache, ein Volk. Katalane ist, wer hier lebt und arbeitet – und das auch will.“

Diese Aussage deckt sich mit dem, was ich vor Ort erlebt habe. Wer sich für die katalanische Kultur interessiert, der ist willkommen. Die Existenz der spanischsprachigen Organisation Súmate beweist, dass der Independismus nicht einmal etwas damit zu tun haben muss, die katalanische Sprache zu beherrschen.

Fazit

Man kann für oder gegen die Unabhängigkeit sein, man darf auch nicht verschweigen, dass eine sofortige, einseitig erklärte Unabhängigkeit Kataloniens große Probleme mit sich bringt.

Was die deutschen Medien aber nicht tun sollten ist, dem Narrativ der PP-Zentralregierung zu folgen, das auch zum Beispiel von der El País verbreitet wird. Die deutschen Medien sollten auch nicht verschweigen, wer dort so alles bei den Demonstrationen mit läuft.

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